
Interview
Du hast den Wandel der Solarbranche über mehr als ein Jahrzehnt begleitet. Wenn du heute zurückblickst: Welche Entwicklungen haben die Branche am stärksten verändert?
Ich bin seit 2009 in der PV-Branche. Seitdem habe ich einige Hoch- und Tiefpunkte miterlebt. Als wir mit ESG 2016 gestartet sind, war das gerade der absolute Tiefpunkt des deutschen Solarzubaus. Da wurden nur 1,5 Gigawatt Photovoltaik im Jahr zugebaut. Zum Vergleich: Das ist eine Menge, die wir aktuell teilweise in einem guten Monat umsetzen. Uns als Unternehmen hat das geprägt, denn wir wuchsen anfangs schneller als der Markt. Neben Dachanlagen stiegen wir bewusst in Freiflächen-Photovoltaik ein, eine clevere Entscheidung, wie sich herausstellte. Den zweiten Solarboom durch Corona und den Ukraine-Krieg gestalteten wir dann bereits voll mit. Dieser Boom flachte mit der Normalisierung der Strompreise ab und wurde abgelöst durch etwas anderes…
Wir erleben aktuell einen starken Ausbau von Batteriespeichern. Ist das aus deiner Sicht der nächste große Entwicklungsschritt der Energiewende und was hat sich dadurch für dein Unternehmen verändert?
Meine These lautet: Wir stehen nun vor dem ersten Speicherboom! Wir sprechen nicht mehr isoliert über einzelne Solarmodule, deren Ertrag oder Garantien. Wir sprechen nun über Speicher, Intelligenz und wann wie geladen wird. Das System steht ganz klar im Vordergrund und nicht mehr die einzelne Komponente. Deswegen haben auch wir unser Portfolio kontinuierlich erweitert. Neben den Segmenten Residential, Commercial, Industrial und Freifläche kamen vor zwei Jahren Großspeicher hinzu. Dieses Jahr folgte die Ladeinfrastruktur für den Schwerlastverkehr. Künftig nehmen Projekte für Speicher und Ladeinfrastruktur eine große Bedeutung für uns als Unternehmen ein. Solar kommt immer mit dazu. Es bleibt Teil des Ganzen, wird in der Aufzählung, was zu einem Ladeinfrastruktur-Projekt gehört, aber als Letztes genannt.
Beim BESS-Projekt am Sandershäuser Berg habt ihr einen Großspeicher realisiert. Welche Herausforderungen sind euch während der Planung und Umsetzung besonders in Erinnerung geblieben?
Wir haben bereits zwei Großspeicherprojekte realisiert und haben weitere aktuell in Bau. Es gab bei diesen ersten beiden Projekten eine Erfahrungskurve, die uns auch Zeit und Geld gekostet hat. Am Ende profitieren unsere Kunden von diesen Erfahrungen. Neue Technologien testen wir grundsätzlich nicht am Kunden. Wir haben die Beschaffung der ersten beiden Speicher in Eigenregie umgesetzt. Recherchiert, analysiert und abgewogen, welches der richtige Partner ist. Das war an einem Zeitpunkt, an dem wir dachten, wir hätten 80 von 100 Fragen beantwortet, um dann festzustellen, dass es 160 Fragen gab, die es zu beantworten galt. Zum einen bestand die Herausforderung darin, einen Hersteller mit einem guten Produkt zu finden, zum anderen darin, einen Partner zu finden, der erreichbar und zuverlässig war und kontinuierlich Informationen lieferte. Es ist nicht nur das gute Produkt, es sind am Ende auch die Leute, mit denen man zusammenarbeitet.
Was habt ihr von euren ersten beiden Speicherprojekten besonders positiv in Erinnerung behalten?
Wir konnten besonders eindrucksvoll die typischen Mittelstandsstärken ausspielen: Geschwindigkeit, Mut, Pragmatismus und lösungsorientiertes Handeln. Die fehlenden 80 Fragen konnten wir beantworten, bevor die Container auf dem Platz standen. Das fordert Kraft, macht das Team am Ende aber stolz. Ein Stadtwerk oder Großkonzern kann so nicht agieren. Dort klärt man erst 159,5 Fragen, wartet auf Aufsichtsratsbeschlüsse und baut zwei Jahre später. Wir haben Tempo gemacht. Auch bürokratische Hürden haben uns nicht gestoppt. Den Antrag für den Netzanschluss stellten wir frühzeitig bei den Stadtwerken, noch bevor die große Antragswelle losging. Bei den Bauämtern zählt direkte Kommunikation. Wir fahren hin und erklären die Vorhaben persönlich. Für Brandschutz und Lärmschutz arbeiten wir mit spezialisierten Gutachtern.
Du standest selbst vor der Entscheidung, Speicher anzuschaffen. Wie bist du an dieses Unterfangen herangegangen? Was hast du aus dem Prozess mitnehmen können?
Aus Gründen der Geschwindigkeit haben wir zunächst bekannte, verlässliche Partner gewählt. Zumeist waren das große Hersteller aus Europa, bei denen wir auf Ansprechpartner vor Ort und solide Garantieansprüche vertraut haben. Die Auswahl der Speicherhersteller ist sehr komplex und die Garantiebedingungen sind teilweise undurchsichtig. Deshalb setzen wir inzwischen auf externe Unterstützung.
Was würdest du Unternehmern raten, die wie du vor der Entscheidung stehen, aus einer Vielzahl verfügbarer Lieferanten den richtigen auszuwählen?
Es ist durchaus sinnvoll, einen Partner wie euch, der sich auf dem hochkomplexen Speicherherstellermarkt auskennt, als Copiloten dabeizuhaben. Wir sehen selbst, dass eine gründliche Prüfung verschiedener Hersteller und Zellen Zeit braucht. Deshalb besteht zusätzlich immer die Frage nach dem Zeithorizont des Projektes. Ich könnte natürlich auch sagen, schaut euch die Referenzen von laufenden Systemen an. Allerdings ist es so, dass wir Innovationszyklen haben. Das heißt, bei neueren Speichern gibt es nicht immer ausreichend Referenzdaten, da diese Systeme noch nicht lange genug in Betrieb sind. In fünf Jahren erwarte ich bereits die erste Repowering-Welle, also dass Teile der Speicher ausgetauscht werden müssen, weil sie verschlissen sind. Das liegt am aktuellen Markttrend, billige und minderwertige Technik zu verbauen, wird aber am Ende dem Ruf der gesamten Branche schaden und mehr Kosten verursachen, als beim Einkauf absehbar war.
Wenn du dir etwas wünschen könntest, was deine Arbeit mit BESS in der Zukunft erleichtert und/oder rentabler macht, was wäre das?
Verbindliche Regeln statt Willkür einzelner Akteure. Bei flexiblen Netzanschlussvereinbarungen definiert aktuell jeder Netzbetreiber eigene Vorgaben. Wir brauchen bundesweite Standards und eine verständliche Sprache, um die Leute mitzunehmen. Vielleicht werde ich nochmal Politiker im späteren Leben.
Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, dann können wir auch liefern. Das hat die Solarbranche bereits bewiesen und das beweist auch die Wind- und die Biogasbranche. Ein Modell mit z.B. 1.200 Stunden Einschränkung lässt sich gut kalkulieren. Wenn das dem Netz hilft und wir dadurch doppelt so viele Speicher anschließen können, bin ich sofort dabei. Wir erhöhen so die Netzauslastung, ohne endlos neue Kabel zu verlegen. Was uns bremst, ist die Kleinteiligkeit bei 850 Verteilnetzbetreibern, die personell oft stark gefordert sind.
Was ist das Schönste für dich an deiner Arbeit?
Das Schöne ist, dass wir an erneuerbaren Energiesystemen arbeiten und wirklich was bewegen und umsetzen! Die große Motivation ist, dass man sieht, was die Arbeit bewirkt. Wir entscheiden uns also beispielsweise für den Bau eines Batteriegroßspeichers: dann begleiten wir das Projekt von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Wenn der Container ein Jahr später steht und wir die Eröffnung feiern, ist das ein großartiges Gefühl.
Ihr setzt also ein paar gute Beispiele und motiviert auch andere?
Wir haben uns in der Region tatsächlich den Ruf des Innovators erarbeitet. Wir haben den ersten Großspeicher im Raum Kassel errichtet und den ersten Megawattlader für E-Lkw in Hessen. Wir sind disruptiv unterwegs. Ein kleines Beispiel: den LKW-Lader bieten wir mit 29,9 Cent Ladepreis an. Standard sind aber eher 39 Cent oder 40 Cent. Das ist disruptiv.
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