Herr Borgmeyer, Sie haben Energy Farming vor rund 30 Jahren gegründet, zu einer Zeit, als erneuerbare Energien noch echte Pionierarbeit waren. Was hat Sie damals überzeugt, diesen Weg zu gehen und wie wichtig ist dieser Weitblick heute noch im Energiemarkt?
Reiner Borgmeyer: Was ich damals schon gesehen hatte, war der wahnsinnige technologische Fortschritt. Ich habe damals mit 150 kW Windkraftanlagen angefangen. Als ich 1999 schließlich Energy Farming gründete, lag die Leistung bereits bei 1,5 MW. Das entsprach einer zehnfachen Leistungssteigerung im Vergleich zu meinen Anfängen in der Branche. Da wurde mir bewusst: Erneuerbare sind in der Lage, das Fundament unserer Energieversorgung zu bilden. In den 90er-Jahren wurden wir von den „Großen“ der Branche noch belächelt. Heute bauen wir Anlagen mit einer Leistung von über 7 MW, das entspricht einer fünfzigfachen Leistungssteigerung. Dass in Deutschland inzwischen insgesamt über die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammt, zeigt eindrucksvoll, welche zentrale Bedeutung unsere Branche mittlerweile hat. Dieser Weitblick ist heute wichtiger denn je: Wenn wir jetzt die Speicher dazu bekommen, haben wir den entscheidenden Baustein, um die Energiewende wirklich möglich zu machen.
Welches aktuelle Projekt zeigt Ihrer Meinung nach am besten, wie man heute zukunftssichere Anlagen baut, die uns unabhängig machen?
Jens Strebe: Ein sehr interessantes Beispiel ist das Repowering eines großen Windparks in Badbergen, Niedersachsen. Dort werden aktuell 11 neue Windenergieanlagen errichtet. Unsere Vision ist es, diesen seit über 25 Jahren akzeptierten Standort um Photovoltaik und direkt danach um Speicher zu erweitern. So wird aus dem reinen Windpark ein echter „Energiepark“. Ein wirtschaftlich erfolgversprechender Betrieb ist dort ohne Speicher kaum denkbar, da wir, wie an vielen PV-Standorten, mit negativen Strompreisen konfrontiert sind. Wir müssen das Konzept zur Stromnutzung direkt mitdenken, egal ob als Batteriespeicher oder später für die Wasserstofferzeugung.
Wann und aus welchem konkreten Anlass sind Batteriespeicher für Energy Farming relevant geworden und was hat letztlich den Ausschlag gegeben, selbst in Speicherprojekte zu investieren?
Reiner Borgmeyer: Ich habe eigentlich schon 2014 gesagt, dass Speicher das „Next big thing“ nach der Photovoltaik werden. Leider hat die Politik das in den letzten 15 bis 20 Jahren in Deutschland verschlafen. Den konkreten Ausschlag für unser aktuelles Projekt gaben alte Netzanschlüsse in Melle (bei Osnabrück), die für Windkraft nicht mehr gebraucht wurden. Wir haben den Netzbetreiber gefragt, ob wir dort Speicher hinstellen können. Das war vor zwei Jahren, bevor die Riesenwelle an Speicheranträgen durch Deutschland schwappte. So setzen wir dort nun 3 x 3 Megawatt um.
Welche Erfahrungen aus der Planung von Batteriegroßspeicherprojekten waren für Sie besonders prägend und haben Ihren Blick auf die Umsetzung solcher Projekte nachhaltig verändert?
Reiner Borgmeyer: Wir haben gesehen, dass der Markt stark fragmentiert ist. Es war schwer zu sagen, wer der verschiedenen Anbieter und Lieferanten auf dem Batteriegroßspeichermarkt gut ist. Da gibt es keine drei oder vier Großen etablierten Akteure, sondern an jeder Ecke bietet jemand etwas an. Insofern war es für uns prägend zu lernen, dass man hier technische Expertise, wie die von NOVUM, an der Seite braucht, um nicht nur nach Bauchgefühl zu entscheiden.
Welche Rolle sollen Batteriespeicher künftig im Portfolio von Energy Farming spielen und welche strategischen Ziele verfolgen Sie damit mittel- bis langfristig?
Reiner Borgmeyer: Speicher sind für uns weit mehr als eine Ergänzung zu Wind und PV, sie sind der entscheidende Baustein, um die Energiewende zu Ende zu denken. Unser strategisches Ziel ist es, das klassische Argument zu entkräften, dass grüner Strom nur fließt, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint. Mit Speichern machen wir Erneuerbare verlässlich und bedarfsgerecht verfügbar.
Jens Strebe: Mittel- bis langfristig wollen wir diese Technologie fest in unsere Energieparks integrieren. Aktuell ist es für uns jedoch entscheidend, mit den ersten Projekten wertvolle Betriebserfahrung zu sammeln, wir müssen sozusagen erst „laufen lernen“, um komplexe Speicherkonzepte später routiniert ans Netz zu bringen.
Batteriespeicher können sehr unterschiedlich eingesetzt werden: netzseitig, marktorientiert oder eng gekoppelt an Erzeugungsanlagen. Welchen Ansatz verfolgen Sie bei Energy Farming aktuell und warum?
Jens Strebe: Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen den Betriebsarten Grünstrom und Graustrom. Ein klassischer Grünstromspeicher dient als Puffer für PV-Anlagen: Der Strom wird zwischengeparkt und zeitversetzt eingespeist. Im Gegensatz dazu steht der Graustrom- oder Arbitragespeicher, bei dem wir Strom an der Börse einkaufen, wenn der Preis niedrig ist, und ihn bei hohen Preisen zurückspeisen. Eine dritte Option ist die netzdienliche Nutzung gegen eine Mietzahlung des Netzbetreibers. Unser Ideal ist ein hybrides Modell: Im Sommer nutzen wir den Speicher als Puffer für die eigene PV-Anlage, im Winter stellen wir ihn dem Netz zur Verfügung. Da die Regulatorik und die technische Handhabung für solche komplexen Modelle aber noch reifen müssen, legen wir uns aktuell meist auf ein Konzept fest, um Projekte überhaupt ans Netz zu bringen.
Reiner Borgmeyer: Um das an zwei Beispielen zu verdeutlichen: Das wichtigste Einsatzgebiet für einen Grünstromspeicher ist aktuell das Abfangen des „PV-Peaks“. Wenn im Sommer mittags die Börsenpreise negativ werden, fängt ein Vier-Stunden-Speicher den Strom auf und stellt ihn nachts bereit.
Ein völlig anderes Nutzungsszenario ist die reine netzseitige Marktorientierung ohne eigene Erzeugungsanlage. Im Nordkreis Osnabrück wollten wir ein ehemaliges 30-MW-Umspannwerk reaktivieren, um dort einen reinen Batteriespeicher zu betreiben. Hier stoßen wir jedoch auf eine massive regulatorische Hürde: Da vor Ort keine Energie mehr erzeugt wird, verweigern die Netzbetreiber die Freigabe für den Lastbezug aus dem Netz. Es fehlen schlicht die Regelungen dafür, wie solche Leistungen ohne lokale Erzeugung sicher aus dem Netz gezogen werden dürfen.
Wertschöpfung durch PV-Peak-Shifting
Die Herausforderung: Im Sommer entstehen zwischen 11:00 und 15:00 Uhr oft negative Preise an der Strombörse. Anlagenbetreiber müssen ihre Parks in dieser Zeit oft abschalten, um Verluste zu vermeiden.
Die Lösung: Ein 4‑Stunden-Speicher nimmt den Strom während dieser Hochphase auf, anstatt die Anlage abzuregeln.
Der Mehrwert: Die gespeicherte Energie wird nachts bereitgestellt, wenn die Sonne nicht scheint und die Preise wieder steigen.
Welche konkreten Herausforderungen sind Ihnen bei der Akquise und Sicherung von Netzanschlüssen begegnet?
Jens Strebe: Während es bei Wind und PV klare Fahrpläne gibt, fehlt den Netzbetreibern bei Speichern oft die Erfahrung. Es gibt keine klaren Regelungen für „Anlaufkurven“, also dass man die Last langsam steigert. Wenn wir per Knopfdruck eine Last wie von einem ganzen Gewerbegebiet ans Netz bringen, kann der Netzbetreiber das kaum planen. Deshalb sind sie extrem zurückhaltend. Heute hört man bei neuen Anträgen oft von Zeithorizonten von 10 Jahren. Unsere Zusage vor zwei Jahren war Glück, vielleicht auch, weil die Projekte mit 3 Megawatt vergleichsweise klein sind. Speicher sind der Schlüssel zur Netzoptimierung, aber der Netzverknüpfungspunkt ist momentan der absolute Flaschenhals. Es hängt alles am Fortschritt der Gesetzgebung.
Sie setzen Ihre Speicherprojekte unabhängig und in Eigenregie um. Nach welchen Kriterien qualifizieren Sie Ihre Partner in dieser verantwortungsvollen Position und was motiviert Sie dazu, gezielt auf neue, lernbereite Anbieter zu setzen? Inwieweit hat sich dieser Weg für Sie fachlich und wirtschaftlich ausgezahlt?
Jens Strebe: Wir suchen Partner mit einem partnerschaftlichen Interesse. Technische Verfügbarkeit ist der wesentliche Erfolgsfaktor. Also die garantierte Bereitschaft des Systems, genau dann Leistung zu liefern oder aufzunehmen, wenn der Markt oder das Netz es erfordert. Bei so hohen Investments verdient man nur Geld, wenn alles reibungslos funktioniert.
Reiner Borgmeyer: Für eine endgültige Bilanz ist es noch ein Jahr zu früh, da wir die Speicher gerade erst ans Netz bringen und noch keine Betriebserfahrung haben. Fachlich sind wir aber definitiv schon schlauer geworden.
Wie ist Energy Farming auf NOVUM engineering aufmerksam geworden und an welchen Stellen konnte NOVUM Sie bei der Planung und Bewertung von BESS-Projekten konkret unterstützen?
Reiner Borgmeyer: Der Kontakt kam über Mund-zu-Mund-Propaganda über unsere Schwestergesellschaft bioconstruct zustande. NOVUM hat uns vor allem aus technischer Sicht geholfen, den Markt zu sondieren und die Vertragswerke der Anbieter zu durchdringen.
Gab es einen Moment in der Zusammenarbeit, der Ihnen besonders gezeigt hat, welchen Mehrwert externe technische Expertise bringen kann?
Reiner Borgmeyer: Ja, absolut. Wir waren bereits lange mit einem Lieferanten im Gespräch. Mandy Schipke von NOVUM hat sich dann die Verträge und auch die Angebote eines anderen Anbieters bei unserer Schwestergesellschaft angesehen. Aufgrund ihrer Empfehlung sind wir dann auf den anderen Anbieter umgeschwenkt. Ohne diese Expertise wäre das wahrscheinlich nicht so gekommen.
Welchen Rat würden Sie Unternehmen geben, die heute erstmals in Batteriespeicher investieren oder neu in diesen Markt eintreten? Worauf sollte besonders geachtet werden?
Jens Strebe: Wenn Netzanschluss und Genehmigung stehen, sollte man sich unbedingt consultingmäßig durch die Verträge führen lassen. Das ist gut investiertes Geld, da viele Lieferkonzepte „handgemacht“ sind und Risiken oft asymmetrisch verteilt werden. Man muss genau hinschauen.
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